Wenn Mieter ihr Haus einfach selbst kaufen – ein Besuch in der Wörthstraße 8
Bezahlbarer Wohnraum entscheidet darüber, wer in einem Stadtviertel bleiben kann – und wer nicht. Gewachsene Nachbarschaften, gemischte Milieus, gelebte Gemeinschaft: all das hängt unmittelbar daran, ob Menschen sich ihre Wohnung dauerhaft leisten können. Ein Hausprojekt in Haidhausen zeigt, wie eine Hausgemeinschaft diesem Druck standgehalten hat.
Anfang des Jahres lud die Hausgemeinschaft der Wörthstraße 8 zu einem ihrer wöchentlichen Treffen ein – in das Wohnzimmer einer Bewohnerin, ganz wie es sich für eine echte Hausgemeinschaft gehört. Themen waren das Projekt selbst, aber auch die Wohnungskrise in München insgesamt und die Frage, welche Rolle solche Projekte dabei spielen können.
Eine Anzeige als Weckruf
Im Sommer 2022 entdeckt eine Bewohnerin per Zufall, dass eine Hälfte ihres Hauses – eines Gründerzeitbaus aus dem Jahr 1894 nahe dem Bordeauxplatz – auf einem Immobilienportal zum Verkauf steht. Der aufgerufene Preis für diese eine Hälfte: 6,5 Millionen Euro.
Die 25 Bewohnerinnen und Bewohner kennen die Geschichten aus der Nachbarschaft. Verkauf, Luxussanierung, Mieterhöhung, Verdrängung – die sogenannte Gentrifizierungsspirale. Viele von ihnen leben seit Jahrzehnten in dem Haus, eine ältere Dame sogar seit 45 Jahren. Unter ihnen sind Schreiner, Grafikerinnen, eine Tierärztin, ein Informatiker, ein Briefträger, Fotografinnen, ein Zimmermann: Menschen aus der Mitte der Stadtgesellschaft, die sich ihre Viertel nicht nehmen lassen wollten.

Ein kühner Plan wird Wirklichkeit
In einer Wohnküche entsteht die Idee: Die Mieterinnen und Mieter kaufen das Haus selbst. Was sich leicht sagt, ist alles andere als einfach. Die Hausgemeinschaft gründet den Verein „Wörth 8″ und wählt den Weg über das Mietshäuser-Syndikat – eine Freiburger Initiative, die bundesweit über 200 Hausprojekte dieser Art begleitet hat. In München war dies erst das dritte Projekt seiner Art. Das Syndikat tritt als zweiter Gesellschafter in die neu gegründete GmbH ein, als Sicherung gegen einen späteren Wiederverkauf.
Die Finanzierung gelingt durch ein Zusammenspiel von Direktkrediten aus dem ganzen Bundesgebiet, einem Bankdarlehen – mit dem Haus als Sicherheit – und einer freiwilligen Mieterhöhung, deren Höhe jede Partei selbst festgelegt hat. Das war ein wichtiges Signal an die Bank: wirtschaftliche Tragfähigkeit aus der Gemeinschaft heraus.
Entscheidend war auch die Unterstützung der Stadt München: Der Stadtrat beschloss im August 2023, das Projekt mit 1,25 Millionen Euro zu fördern. Im Gegenzug sichert sich die Stadt für mehrere Jahrzehnte das Belegrecht für fünf neugeschaffene Sozialwohnungen im Haus. Das war damals ein Pilotprojekt, das funktioniert hat. Seither hat die Stadt diese Förderung aufgrund der angespannten Haushaltslage allerdings auf Eis gelegt.
Zusammenhalt als Voraussetzung
Was die Wörth 8 von anderen Hausprojekten unterscheidet, lässt sich nicht allein in Zahlen fassen. Es ist das Miteinander, das den Unterschied gemacht hat und das durch das Projekt auch weiter gestärkt wurde. Mittlerweile führt die Hausgemeinschaft das Haus in Selbstverwaltung. Vier lange leerstehende Wohnungen wurden saniert, neue Mieterinnen und Mieter wurden bewusst ausgewählt: Menschen, die sich einbringen wollen und Lust haben mitzumachen.
Die Hausbewohnenden nennen rückblickend drei Schlüsselfaktoren: Eigentümer:innen, die dem Vorhaben offen gegenüberstanden. Den richtigen Zeitpunkt, der einen Nerv traf. Und vor allem: den Zusammenhalt der Gemeinschaft.
Natürlich lässst sich das Modell lässt nicht auf alle Münchner Mietshäuser übertragen. Doch es zeigt, was möglich ist, wenn Zivilgesellschaft, Stadt und innovative Finanzierungsmodelle zusammenwirken und was verloren geht, wenn diese Rahmenbedingungen wegfallen. Bezahlbarer Wohnraum ist keine Frage des Einzelfalls. Er ist eine Grundvoraussetzung für gesellschaftlichen Zusammenhalt.