Werkswohnungen gegen die Wohnungsnot: Zu Besuch bei Rischart
Eine Wohnung in München zu finden, grenzt an einen Lottogewinn. Bei einer durchschnittlichen Kaltmiete von 23,70 €/m² (Quelle: sueddeutsche.de), können sich viele Durchschnittsverdienende das Wohnen in München kaum mehr leisten – wenn sie überhaupt eine Wohnung finden. Für viele Beschäftigte und damit auch Unternehmen wird das zunehmend zum Problem, die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt erschwert es zusätzlich, Fachkräfte zu finden und zu halten. Das gilt insbesondere in Branchen, in denen keine Spitzenlöhne gezahlt werden können, wie in der Gastronomie, im Handwerk und Gewerbe oder auch im Gesundheitswesen.
Manche Unternehmen gehen deshalb einen ungewöhnlichen Weg und bauen selbst Wohnungen für ihre Mitarbeitenden. Ludwig Hartmann hat sich das bei einem Besuch der Bäckerei Rischart gemeinsam mit 14 Mitgliedern umliegender Grüner Ortsverbände genauer angeschaut.
Tradition mit neuer Backstube
Die Traditionsbäckerei Rischart betreibt 22 Filialen in München, darunter am Marienplatz die mit rund 1,2 Millionen Kundinnen und Kunden im Jahr meistbesuchte Bäckereifiliale Deutschlands. Anders als bei großen Backketten, die Fertigprodukte lediglich aufbacken, werden die Filialen mehrfach täglich mit frisch in Handarbeit gebackenen Produkten beliefert. Als die bisherige Backstube im Glockenbachviertel zu klein wurde, fand Rischart am Rand der Theresienwiese ein größeres Grundstück für einen Neubau.
Wohnen als Teil der Arbeitsbedingungen
Bei Rischart hat das Wohl der Mitarbeitenden sichtbar Priorität: Die Arbeitsräume sind groß und hell – eher untypisch für eine Bäckerei – und es gibt eine Dachterrasse mit Blick über die Stadt für die Pausen. Im selben Gebäude sind zudem 100 Wohnungen entstanden, 90 davon werden als Werkswohnungen zu günstigen Konditionen an Mitarbeitende vermietet.
Das hat einen handfesten betrieblichen Grund: Der Backbetrieb beginnt lange bevor S- und U-Bahn regelmäßig fahren. Rischart ist deshalb darauf angewiesen, dass die Beschäftigten in München wohnen, und das ist angesichts der Mietpreise für viele kaum noch möglich. Für Auszubildende sind die Werkswohnungen daher besonders wichtig.
Zu Besuch in der Traditionsbäckerei Rischart | Foto: Andreas Gregor
Was das für die Wohnungspolitik bedeutet
Rischart zeigt, wie Unternehmen zur Lösung der Wohnungsnot beitragen können. Aus Sicht von Ludwig Hartmann braucht es aber mehr als Einzelinitiativen:
Werkswohnungspflicht für große Unternehmen: Firmen, die neu nach München kommen oder sich hier vergrößern, sollten verpflichtet werden, Wohnraum für ihre Mitarbeitenden zu schaffen. Wer, wie zuletzt Apple, bereit ist, große Summen für den Standort München zu investieren, kann auch in Wohnraum für die zusätzlich in die Stadt gezogenen Beschäftigten investieren.
„Firmen wie Apple geben viel Geld dafür aus, München auf ihrer Visitenkarte stehen zu haben. Das ist auch gut so. Aber wer es sich leisten kann, so viel zu investieren, kann auch Wohnungen für seine Mitarbeitenden bauen. Sonst drängen immer mehr gut verdienende Neuankömmlinge auf einen Mietmarkt, der für viele andere längst zu eng geworden ist.“ – Ludwig Hartmann
Büroflächen zu Wohnraum umwandeln: Eine ifo-Studie beziffert das Potenzial ungenutzter Büroflächen in München auf rund 60.000 mögliche Wohnungen. Die Stadt hat inzwischen eine Agentur gegründet, die Eigentümer leerstehender Büroimmobilien beim Umbau zu Wohnraum unterstützt. Die Landtagsfraktion fordert seit Langem eine „Umbauordnung“, die solche Umnutzungen erleichtert. Ein Vorstoß, der vergangenes Jahr noch abgelehnt wurde und den das Kabinett nun doch auf den Weg bringt. Ein Erfolg der grünen Beharrlichkeit!
Öffentliche Flächen nicht an Höchstbietende verkaufen: Eine weitere Forderung der Grünen Landtagsfraktion lautet, dass der Freistaat Flächen in der Stadt nicht oder zumindest nicht zum Höchstpreis verkaufen soll, um die Schaffung von günstigem Wohnraum zu ermöglichen. Negativbeispiel ist der Verkauf des ehemaligen Strafjustizzentrums. Der Freistaat Bayern hält trotz massiver Kritik der Stadt München und diverser Petitionen, die bezahlbaren Wohnraum statt Rendite fordern, am Verkauf an private Investoren fest.
Mietspiegel reformieren: Um die reale Durchschnittsmiete zu ermitteln, muss die bundesgesetzliche Regelung gestrichen werden, wonach nur Neuvermietungen oder Wohnungen, deren Miethöhe in den letzten sechs Jahren geändert wurden, zur Berechnung des Mietspiegels herangezogen werden. Da sowohl die Mietpreisbremse als auch die Ermittlung der ortsüblichen Vergleichsmiete an den Mietspiegel gekoppelt ist, kommt es mit den jetzigen Vorgaben zu einer systembedingten Steigerungsspirale, weil ältere Mietverträge mit mutmaßlich preiswerteren Mieten nicht berücksichtigt werden, aber stetig erhöhte Mietverhältnisse den Mietspiegel hochtreiben.
Geförderten Wohnungsbau verlässlich finanzieren: Der Anteil von gefördertem Wohnungsbau in Neubauten muss stabil bleiben, doch die Finanzierung dafür ist für die kommenden Jahre bislang nicht gesichert.
Mehr Belegungsrecht für die öffentliche Hand: Den Kommunen müssen mehr Möglichkeiten gegeben werden, die Planungsgewinne im privaten Wohnungsbau in langfristig bezahlbaren Wohnraum zu überführen. Im jetzigen System fallen die geförderten Wohnungen nach wenigen Jahrzehnten aus der Sozialbindung.
Bessere steuerliche Absetzbarkeit von bezahlbaren Mieten: Wer unterhalb der ortsüblichen Vergleichsmiete vermietet, sollte dafür steuerlich belohnt und nicht bestraft werden. Hier sollten steuerliche Absetzbarkeiten geschaffen werden, mit denen soziale Vermieter*innen belohnt werden, die die Möglichkeiten des Mietspiegels nicht voll ausnutzen.
Modell des neuen Backhauses mit Werkswohnungen | Foto: Andreas Gregor
Rischart zeigt, was möglich ist, wenn ein Unternehmen Verantwortung für die Wohnsituation seiner Mitarbeitenden übernimmt. Damit das nicht die Ausnahme bleibt, braucht es politische Rahmenbedingungen, die solches Engagement erleichtern und einfordern, wo es fehlt.
Ludwig Hartmann im Gespräch mit Magnus Müller-Rischart | Foto: Andreas Gregor