Handwerk ist Infrastruktur – ein Besuch in Haidhausen
Haidhausen war einmal ein Arbeiterviertel. In den Hinterhöfen hinter den charakteristischen Herbergshäuschen summten Maschinen, rochen Werkstätten nach Holz und Metall, lieferten kleine Betriebe die handwerkliche Grundversorgung für das Viertel. Davon ist heute wenig übrig. Steigende Mieten, die Umwandlung von Gewerbeflächen in Wohnraum und fehlende Nachfolger:innen haben dazu geführt, dass ein Betrieb nach dem anderen verschwunden ist. Mit ihnen verschwinden auch die alltäglichen Begegnungen, die ein Viertel zusammenhalten: der Schlosser, den alle kennen. Die Schreinerin, die auch den kleinen Auftrag annimmt. Orte, an denen Menschen nicht als anonyme Kund:innen auftauchen, sondern als Nachbar:innen.
Aber ein paar Handwerksbetriebe, die sich behaupten, gibt es noch. Im Rahmen einer Handwerkstour haben Landtagsvizepräsident Ludwig Hartmann und sein Fraktionskollege Andi Krahl drei dieser Betriebe besucht.
Schreinerei Birnbaumblau
In einem Hinterhof der Wolfgangstraße fertigt Walter Schernhammer seit 1999 Möbel aus Vollholz. Schränke, Küchen, Ladeneinrichtungen in Maßarbeit. Dabei setzt er auf ein Prinzip, das in der Branche selten ist: Er hat keinen eigenen Fuhrpark. Alle Lieferungen laufen über Carsharing. Eine pragmatische Antwort auf Parkplatznot und Lieferverkehr in der Innenstadt.
Schernhammer hat den Standort nicht zufällig gewählt. Als der Schreinermeister, der vor ihm in dem Gebäude arbeitete, starb, war es der Witwe wichtig, dass die Werkstatt weiterlebt. So kam Schernhammer zu diesem Ort und fühlt sich ihm bis heute verpflichtet.
Ihm ist es besonders wichtig, viele Aufträge von Nachbarn und Anwohnern aus Haidhausen anzunehmen, damit die Schreinerei auch weiterhin eine Funktion für das Viertel einnimmt. Dafür nehmen sie auch kleinere, weniger lukrative Aufträge in Kauf.
Sorgenvoll blickt Schernhammer auf die Preisentwicklungen der letzten Jahre. Durch Corona und später den Krieg in der Ukraine seien die Preise für Holz und andere Materialien sprunghaft gestiegen.



Schlosserei Dopfer
Die Schlosserei Dopfer gibt es seit der Nachkriegszeit. Heute führen Vater und Sohn den Betrieb gemeinsam in dritter Generation. Sie machen Metallbau, Tore, Geländer und Brandschutztüren. Sie reparieren die typisch Münchner Fahrradrikschas. Neben Aufträgen von privaten Kund:innen aus dem Viertel kommen auch viele Aufträge von der Stadt, z.B. die Instandhaltung und Kontrolle von Schulanlagen und Spielplätzen.
Und sie werden regelmäßig kurzfristig ins benachbarte Krankenhaus Rechts der Isar gerufen, wenn eine Reparatur nicht warten kann. Kein Betrieb aus dem Umland kann bei einem Notfall so schnell vor Ort sein.
Aber dass Betriebe vor Ort sind und schnell helfen können ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist ein Argument dafür, warum Handwerksbetriebe im Viertel nicht nur schön und praktisch sind, sondern auch dringend gebraucht werden. Sie erfüllen eine wichtige gesellschaftliche Funktion, die der kritischen Infrastruktur zugeschrieben werden kann.
Als der Sohn vor einigen Jahren in den Betrieb einstieg, ließ er direkt eine Solaranlage mit Speicher aufs Dach bauen. Die Schlosserei deckt ihren Strombedarf seitdem größtenteils selbst. Ein kleines Zeichen dafür, dass Tradition und Modernisierung kein Widerspruch sein müssen!


Restauration Nadja Doerfel
Nadja Doerfel hat vor fünf Jahren eine Werkstatt am Johannisplatz eröffnet. In einem Viertel, in dem Gewerbeflächen eher verschwinden als neu entstehen, ist das eine Ausnahme. Sie restauriert Möbel für Privatpersonen, aber auch für öffentliche Auftraggeber. Aus Nachhaltigkeitssicht ein Idealmodell: Hochwertige und kulturhistorisch wertvolle Vollholzmöbel werden im Kreislauf gehalten. So werden Sperrmüll und Emissionen durch die Produktion neuer, oft auch qualitativ minderwertiger Möbel verhindert.
Aber auch sie kämpft mit den bekannten Hürden. Die Miete für ihre kleine Werkstatt ist hoch und steigt weiter, deshalb muss sie einen Teil der Fläche untervermieten, damit es sich trägt. Ihr Gewerbeparkschein gilt nur bis 18 Uhr, das Betriebsfahrzeug muss jeden Abend weggefahren werden. Und weil Restauratorinnen keine eigene Innung haben, steht sie bei betriebswirtschaftlichen und rechtlichen Fragen allein da.
Es sind keine dramatischen Einzelprobleme. Aber es sind genau die kleinen Hürden, die sich summieren – und die darüber entscheiden, ob jemand wie Nadja in fünf Jahren noch hier ist.

Die drei Betriebe stehen für ein Haidhausen, das es noch gibt, das aber unter Druck steht. Was sie brauchen, sind verlässliche Rahmenbedingungen: bezahlbare Gewerbeflächen, bürokratische Entlastung und faire Bedingungen bei öffentlichen Ausschreibungen.
Und die Anerkennung, dass Handwerk nicht nur Dienstleistung ist, sondern ein Teil des sozialen Gefüges, das ein Viertel lebenswert macht: weil man sich kennt, weil man sich hilft, weil jemand da ist, wenn etwas kaputt geht.