Zwischen Büchern und Begegnungen: Wie Bibliotheken unser Miteinander bereichern
Ein Gespräch mit Ute Palmer, Landesfachstelle Bayerische Staatsbibliotheken
Bibliotheken sind längst mehr als nur Orte für Bücher. Sie sind Treffpunkte, an denen man ohne Konsumzwang dazugehört, ins Gespräch kommt und lernt – sei es über Medienkompetenz, Fake News oder einfach das Leben. Gerade in Zeiten zunehmender Einsamkeit und schwindender traditioneller Begegnungsorte wie Dorfläden werden sie zu Lebensadern für den Zusammenhalt.
Warum Bibliotheken unsere Gesellschaft stärken
1. Gegen Ungleichheit – für Chancen
Bibliotheken stehen für Chancengleichheit: „Jeder kann kommen, unabhängig von Einkommen oder Herkunft“, betont Ute Palmer. Sie bieten kostenlosen Zugang zu Wissen und sind für viele Kinder der einzige Ort, an dem sie Bücher entdecken können. „Wenn Kinder Geschichten finden, die sie begeistern, lernen sie leichter lesen“, sagt Palmer. Doch die Realität ist alarmierend: „Die Lesefähigkeit von Viertklässlern ist heute schlechter als vor fünf Jahren.“ Wer nicht gut lesen lernt, kann später komplexe Informationen nicht verstehen. Eine Gefahr für die Demokratie.
2. Die letzten echten Begegnungsorte
In vielen Kommunen sind Bibliotheken der einzige Ort, an dem man sich treffen kann, ohne etwas kaufen zu müssen. Man kann Zeitungen lesen, sich auf einen Kaffee treffen, einfach nur da sein. Besonders im ländlichen Raum, wo Vereinsamung zunimmt, werden sie zu „Dritten Orten“: Weder Zuhause noch Arbeit, sondern ein Platz, an dem man sich zugehörig fühlt.
3. Demokratie und Medienkompetenz stärken
Bibliotheken vermitteln nicht nur Wissen, sondern auch die Fähigkeit, Informationen kritisch zu hinterfragen. „In einer Zeit von Fake News und Social Media ist das unverzichtbar“, betont Ute Palmer. Ob für Schüler oder Senioren – sie bieten Medienbildung für alle, oft unterstützt durch ehrenamtliches Engagement.
4. Nachhaltig und zukunftsweisend
Bibliotheken sind Pioniere der Kreislaufwirtschaft: „Warum sollte jeder ein Buch kaufen, wenn man es ausleihen kann?“, fragt Palmer. Büchereien passen sich an und bieten auch immer häufiger Kulturprogramme an. 2024 waren die Ausleihzahlen von Kinder- und Jugendliteratur so hoch wie nie zuvor.
Gefährdete Orte der Freiheit
Doch Bibliotheken stehen unter Druck. Ihre Finanzierung hängt oft vom guten Willen der Kommunen ab und diese kämpfen mit knappen Kassen. Büchereien gehören zu den sogenannten „freiwilligen Leistungen“ der Kommunen, somit reiht sich die Finanzierung hinter Schulen, Infrastruktur und Feuerwehren ein. Gleichzeitig werden sie zunehmend zum Ziel politischer Angriffe. „Bibliotheken sind Orte der Freiheit und Teilhabe“, so Ludwig Hartmann. „Doch autoritäre Kräfte sehen das als Störfaktor.“ In einigen Städten wurden Bücher mit LGBTQ-Bezug zerstört – ein Angriff auf Menschlichkeit und das Wertefundament unseres Zusammenlebens.
Wie wir Bibliotheken retten können
1. Bibliotheken als Debattenorte
Bibliotheken können Plattformen für kontroverse Gespräche sein: Politikerinnen könnten mit Bürgern z.B. über Klimapolitik diskutieren. Im kleinen Kreis, mit Raum für Fragen. Das wäre gelebte Demokratie!
2. Die „Treffpunktförderung“ – Flexibilität statt Bürokratie
Es gab schon Förderungen für Wirtshäuser und Dorfläden. Warum nicht für alle Orte, die Begegnung schaffen? Ob Bibliothek, Jugendclub oder Nachbarschaftscafé – Hauptsache, es bringt Menschen zusammen.
3. Bibliotheken als Tor zur Welt
Viele Jugendliche informieren sich auf TikTok, doch wer tiefer graben will, trifft oft auf Bezahlschranken. Bibliotheken könnten hier Brücken bauen: Mit kostenfreien Zugängen zu seriösen Medien – für alle.
Was Bayern tun kann
Aus dem Gespräch mit Ute Palmer ergeben sich klare politische Handlungsbedarfe. Wenn Bibliotheken ihren Beitrag zu Bildung, Demokratie und gesellschaftlichem Zusammenhalt leisten sollen, braucht es gezielte Unterstützung auf Landesebene:
1. Bibliotheken als „Dritte Orte“ institutionell anerkennen
Der Freistaat sollte Bibliotheken offiziell als Orte gesellschaftlicher Begegnung und demokratischer Teilhabe definieren. Diese Anerkennung muss sich in Förderprogrammen widerspiegeln – nicht projektbezogen, sondern strukturell. Bibliotheken sind kein freiwilliges Zusatzangebot, sondern Teil öffentlicher Daseinsvorsorge.
2. Landesweite „Treffpunktförderung“ auflegen
Dankbar wäre auch ein flexibles Förderinstrument für Orte, die Menschen zusammenbringen – unabhängig von ihrer Trägerschaft. Bibliotheken, Nachbarschaftszentren oder Jugendclubs sollten gleichermaßen förderfähig sein. Entscheidend ist der soziale Mehrwert.
3. Finanzierung entlasten – Kommunen stärken
Die Abhängigkeit von kommunalen Haushaltslagen gefährdet die Existenz vieler Bibliotheken, insbesondere im ländlichen Raum. Der Freistaat könnte sich stärker an der Grundfinanzierung beteiligen, um gleichwertige Lebensverhältnisse in Stadt und Land zu sichern.
4. Medienbildung landesweit über Bibliotheken ausbauen
Bibliotheken sind prädestiniert für die Vermittlung von Medien- und Informationskompetenz für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Der Freistaat könnte Bibliotheken systematisch in seine Bildungs- und Demokratiestrategien einbinden und entsprechende Programme dauerhaft finanzieren.
5. Digitalen Zugang sichern
Qualitätsjournalismus darf keine Frage des Geldbeutels sein. Bayern könnte landesweite Lizenzen für digitale Zeitungen, Zeitschriften und Datenbanken finanzieren und über Bibliotheken kostenfrei zugänglich machen. So entsteht ein niedrigschwelliger Zugang zu verlässlichen Informationen für alle.
Vorbilder, die Mut machen
In Furth im Wald, Rimsting oder Marktoberdorf wird bereits gelebt, was anderswo noch Theorie ist: Bibliotheken als pulsierende Zentren des Miteinanders. „Diese Orte zeigen: Es geht nicht um Nostalgie, sondern um die Zukunft“, sagt Ute Palmer. „Die Frage ist: Wollen wir sie uns leisten?“
Gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht dort, wo Menschen sich begegnen, informieren und mitreden können. Bibliotheken leisten genau das, jeden Tag.
Danke an Ute Palmer für das interessante Gespräch!