9. Januar 2017

Einführung eines 9-jährigen Gymnasiums: „G9 neu“

A) Problem

Nach über zwölf Jahren ist das G8 in Bayern immer noch nicht zur Ruhe gekommen. Die
 Fehler der Schulzeitverkürzung im Schnellschussverfahren sind heute spürbarer als je
 zuvor. Viele Eltern, Schülerinnen und Schüler empfinden nach wie vor den 2004 verkürzten Bildungsgang zum Abitur als Belastung, weil er kreatives und selbstständiges Lernen nur schwer möglich macht und zu wenig Zeit zur Persönlichkeitsentwicklung bietet. Außerdem
 wird die Gelegenheit, schulische und außerschulische Erfahrungen zu machen, die nicht allein anhand der Anforderungen des Noten- und Punktesystems definiert werden, durch das G8 stark eingeschränkt. Viele Lehrerinnen und Lehrer sagen, dass sie nur noch oberflächlich unterrichten können – es gebe nicht genug Zeit und Freiräume, Themen zu vertiefen und wissenschaftliches Arbeiten zu lehren.

Es ist festzustellen, dass die Schülerinnen und Schüler zu wenig Zeit und zu wenig Gelegenheit haben, den Dingen auf den Grund zu gehen sowie den Unterrichtsstoff zu vertiefen und zu reflektieren. Das Aneignen und Abfragen von Fachwissen steht zu stark im Zentrum der schulischen Bildung, während weitere überfachliche Kompetenzen und die Förderung einer breiten Persönlichkeitsbildung zu kurz kommen. Der verdichtete Schulalltag, die „Kopflastigkeit“ des Gymnasiums und insbesondere die Formen der Notengebung setzen die Schülerinnen und Schüler von Anfang an zu sehr unter Druck.

Auch die politische und öffentliche Diskussion wird bestimmt von der Kritik am achtjährigen Gymnasium und der Forderung nach einer neunjährigen Version. So sprachen sich im Sommer 2016 bei einer Umfrage (Instituts GMS im Auftrag von Sat.1 Bayern) 59% der befragten bayerischen Bürgerinnen und Bürger für ein G9 in Bayern aus. Seit 2014 bemüht sich das Kultusministerium in einem sog. „Dialogverfahren“ mit den Verbänden im Umfeld des bayerischen Gymnasiums um eine Lösung, die von einer breiten Mehrheit der Betroffenen akzeptiert wird. Allerdings blieb die Staatsregierung bislang die Entscheidungen schuldig, die das Vertrauen in eine umsetzbare Lösung stärken würden.

Mit der „Mittelstufe Plus“ wurde ein Modell gewählt, dass allein aufgrund seiner schlechten Organisierbarkeit als flächendeckende Lösung nicht in Frage kommt. Die Einschätzung, die schon vor zwei Jahren in einem Gutachten im Auftrag der Grünen Landtagsfraktion formuliert worden ist, wird jetzt in der Praxis bestätigt. Deshalb wird die „Mittelstufe Plus“ nicht mehr

als Modell weiter verfolgt. Dass etwa zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler an den 47 Modellschulen sich für die „Mittelstufe Plus“ entschieden haben, zeigt aber, dass die Mehrheit der Eltern, Schülerinnen und Schüler den Wunsch nach einer längeren gymnasialen Schulzeit haben und sich, wenn sie die Gelegenheit haben, für eine längere Variante entscheiden.

Mit der Einführung eines neunjährigen Gymnasiums kann jedoch kein Zurück zum alten
G9 verbunden sein. Das Gymnasium heute muss sich an aktuellen und zukünftigen Herausforderungen orientieren: Bayernweit besuchen heute die meisten Kinder eines Jahrgangs das Gymnasium (2009 erstmals über 40%). Das Gymnasium ist noch nicht ausreichend auf diese und die zunehmende Heterogenität der Schülerschaft eingestellt. Der pädagogisch adäquate Umgang mit der Verschiedenheit der Schülerinnen und Schüler und deren individueller Förderung muss als neue Aufgabe formuliert werden. Nötig ist daher die Reform des Gymnasiums zum „G9 neu“.

Um die genannten Kernprobleme des G8 zu lösen, ist es weder aus pädagogischer noch aus organisatorischer Sicht zielführend, ein Parallelangebot von G8- und G9-Schulen oder auch G8- und G9-Zweigen an Einzelschulen aufzubauen.

Derzeit besteht keine Planungssicherheit für Kommunen als Schulaufwandsträger und für die Schulen bezüglich der Weiterentwicklung des Gymnasiums. Es ist Aufgabe der staatlichen Ebene, durch eine Festlegung der Schulzeit die äußeren Rahmenbedingungen für eine pädagogische Weiterentwicklung des Gymnasiums zu schaffen.

B) Lösung

Einführung eines neunjährigen, inhaltlich reformierten Gymnasiums – „G9 neu“

Das Gymnasium umfasst die Klassen 5 bis 13. Die Schülerinnen und Schüler sollen mehr Lernzeit bis zum Abitur bekommen. Damit wird ein vertieftes und intensives Lernen mit mehr Übungsphasen im Unterricht ermöglicht und das Lernen insgesamt stressfreier gestaltet. Außerdem soll Zeit und Raum gegeben werden zur Entwicklung der Persönlichkeit, insbesondere durch soziales und emotionales Lernen, durch die Ermöglichung kritischen und kreativen Denkens sowie durch Vermittlung geschlechtersensibler und interkultureller Kompetenzen. Nach dem Grundsatz „Zeit für Substanz“ ermöglicht das neue Gesetz, dass die Lehrkräfte vor Ort die Lern- und Leistungskultur des Gymnasiums weiterentwickeln, um die Schülerinnen und Schüler zu befähigen, nachhaltiges Wissen und Können in vielfältigen Situationen einzusetzen, auf Neues flexibel zu reagieren und im Team stark zu sein.

Die Entlastung am „G9 neu“ soll sich über alle Stufen hinwegziehen.

Die Oberstufe soll die Klassen 11 bis 13 umfassen, die Qualifikationsphase wird in die Jahrgangsstufen 12 und 13 verlegt. Zusätzlich zu den W- und P-Seminaren soll den Schülerinnen und Schülern mehr Raum für eine individuelle Themenauswahl je nach Begabung und Neigung eingeräumt werden.

Im „G9 neu“ besteht die Möglichkeit, dass Schülerinnen und Schülern das Abitur in 8 Jahren erreichen. Dabei sollen die Voraussetzungen für eine individuelle Wahl der Schülerinnen
und Schüler gegeben sein. So sollen für die Option, nach der zehnten Klasse in die Qualifikationsphase einzusteigen, entsprechende zusätzliche Lern- und Fördereinheiten in der Mittelstufe angeboten werden. Ebenso, wenn die 11. Klasse für einen Auslandsaufenthalt genutzt werden soll.

C) Alternativen

Beibehaltung der derzeitigen unbefriedigenden Rechtslage.

D) Kosten

Es ist davon auszugehen, dass bis zu 1,5 Milliarden Euro für Erweiterungs- und Schulneubauten fällig werden. Die tatsächlichen Kosten, die für die kommunale Ebene entstehen, müssen in einem Konsultationsverfahren ermittelt werden. Der dadurch verursachte Mehraufwand ist durch den Staat im Rahmen des Konnexitätsprinzips auszugleichen.

Für die qualitative Weiterentwicklung werden 1.000 zusätzliche Lehrkräfte in den Haushaltsplan eingestellt. Dies entspricht einer Summe von 50 Mio. Euro.

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Laut einer Umfrage der Landes-Eltern-Vereinigung der Gymnasien in Bayern e.V. (LEV) spricht sich eine klare Mehrheit von 80 Prozent der Eltern in Bayern für eine neunjährige Gymnasialzeit (G9) aus. Die Ergebnisse der Umfrage im Detail können sie hier einsehen.

Unser Gesetzesentwurf im Dokumentenarchiv des Bayerischen Landtags

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